Es gibt diesen Moment auf dem Set, kurz nach dem Aufbau, wenn jemand fragt: „Drehen wir das auch noch horizontal?“ Früher war das eine Selbstverständlichkeit. Heute ist es die falsche Frage.
Wir beobachten in Kundengesprächen gerade, dass viele Unternehmen Vertical Video immer noch als Nachgedanken behandeln. Das fertige Querformat-Video wird am Ende einfach beschnitten, ein bisschen gezoomt, und dann als Reel veröffentlicht. Das Ergebnis: Köpfe fehlen. Wichtige Bildinformationen verschwinden. Und das Publikum scrollt weiter, innerhalb von zwei Sekunden.
Das Problem sitzt nicht im Schnitt. Es sitzt in der Planung.
Warum 16:9 auf dem Handy einfach nicht funktioniert
93% der unter 30-Jährigen konsumieren Videos auf dem Smartphone vertikal Rund 93 Prozent der Befragten im Alter von 16 bis 39 Jahren konsumieren vertikale Videos (9:16) regelmäßig (9:16-Studie).. Das ist keine Zahl aus einer Zukunftsstudie. Das ist heute, das ist jetzt, das ist dein potenzieller Kunde, der mit dem Daumen durch seinen Feed wischt.
Ein horizontal gedrehtes Video, das auf 9:16 beschnitten wird, verliert dabei nicht nur Pixel. Es verliert Kontext. Ein Interview-Setup, das im Querformat perfekt wirkt, zwei Personen nebeneinander, saubere Komposition, wird im Hochformat plötzlich zur Hälfte abgeschnitten. Du siehst eine Schulter. Vielleicht einen Kaffeebecher. Und irgendwo rechts außerhalb des Frames die eigentliche Botschaft.
Wir haben das bei frühen Projekten selbst erlebt. Ein Kundenfilm, gedacht für die Website, sollte nachträglich für Instagram umgeschnitten werden. Die Lösung? Technisch machbar. Aber nie wirklich gut. Der Film hat im Querformat funktioniert. Im Hochformat hat er überlebt. Das ist ein Unterschied.
Vertical-First heißt: anders denken, bevor die Kamera läuft
Seit wir konsequent Vertical-First produzieren, hat sich unsere Vorbereitung grundlegend verändert. Nicht dramatisch. Aber konkret.
Bildausschnitt. Beim Dreh denken wir von Anfang an in 9:16. Das bedeutet: Personen stehen mittig, Textelemente wie Logos oder Einblendungen werden im oberen oder unteren Drittel geplant, nicht an den Seiten. Bewegung im Bild ist vertikaler. Ein Schritt nach vorne, eine Geste nach oben, das wirkt im Hochformat natürlicher als ein Schwenk nach links.
Kamera-Setups. Ein Gimbal, der für 16:9 optimiert ist, verhält sich im 9:16-Modus anders. Wir bauen unsere Rigs deshalb je nach Projekt anders auf. Das kostet am Set manchmal zehn Minuten mehr. Spart hinterher eine Stunde Frustration im Schnitt.
Ton und Aufmerksamkeit. Im vertikalen Format ist das Bild näher am Gesicht. Das bedeutet: Mimik, Ausdruck, kleine Bewegungen — sie wirken stärker. Was bei Weitwinkel-Aufnahmen in 16:9 kaum auffällt, füllt im Hochformat den halben Frame. Das ist eine Chance für authentischen Content. Aber nur, wenn man es weiß, bevor man dreht.

Wann macht Querformat noch Sinn?
Hier ist die ehrliche Antwort: öfter als man denkt, aber weniger als früher.
Für YouTube-Long-Form-Content, Website-Hero-Videos, Messe-Loops oder Präsentationen auf großen Bildschirmen bleibt 16:9 das richtige Format. Ein Imagefilm, der auf der Unternehmenswebsite oder auf einem Eventbildschirm läuft, profitiert vom breiten Frame. Das Auge hat Raum, die Komposition atmet.
Aber selbst dann produzieren wir inzwischen häufig einen zweiten Cut. Nicht als Nachgedanke, sondern geplant von Anfang an. Zwei unterschiedliche Shots für zwei unterschiedliche Formate. Das klingt nach mehr Aufwand. Ist es auch. Aber es ist der Aufwand, der sich lohnt, weil das Ergebnis auf beiden Plattformen wirklich funktioniert, statt auf einer zu funktionieren und auf der anderen zu überleben.
Muss ich dann immer doppelt drehen?
Nein. Und das ist der Punkt, der in vielen Briefings fehlt. Wenn das primäre Ziel Social Media ist — Reels, TikTok, LinkedIn-Clips — dann ist 9:16 das Hauptformat und 16:9 der Bonus-Cut. Wenn das primäre Ziel ein Imagefilm für die Website ist, kann der Social-Cut daneben laufen, aber er braucht eigene Überlegungen im Dreh-Setup. Was nicht funktioniert: erst drehen, dann überlegen, wohin das Video soll.
Was das für Marken konkret bedeutet
Wir arbeiten mit Marken wie Phantasialand, OBI und G-Star RAW. Die Anforderungen sind unterschiedlich, aber eine Sache ist immer gleich: Kein Kunde will am Ende ein Video, das auf der Plattform stirbt, auf der seine Zielgruppe ist.
Vertical-First ist in diesen Projekten keine kreative Entscheidung mehr. Es ist eine strategische. Die Frage ist nicht „Machen wir auch eine Hochformat-Version?“ Die Frage ist: „Für welche Plattform produzieren wir primär — und wie bauen wir das Set so auf, dass der Content dort wirklich wirkt?“
Wenn diese Frage am Anfang steht, ist alles andere einfacher. Der Dreh ist effizienter. Der Schnitt ist schneller. Und das finale Video macht das, was es soll: Aufmerksamkeit halten, statt sie zu verlieren.
Genau das ist die Arbeit, die bei Outreel vor jeder Produktion passiert — bevor eine einzige Kamera aufgebaut wird. Wenn du wissen willst, wie das für dein nächstes Video-Projekt aussehen kann, findest du mehr auf unserer Seite zur Videoproduktion Köln.